PV-Überschuss laden und Wallbox teilen — geht das nebeneinander?
Wer eine PV-Anlage und eine Wallbox hat, will den selbst erzeugten Strom bevorzugt ins eigene Auto laden. Wer die Wallbox zusätzlich mit Nachbarn teilen will, fragt sich: Stören sich die beiden Systeme nicht? Die kurze Antwort lautet nein — weil Stromnachbar und der Charger zwei verschiedene Ebenen bedienen. Die längere Antwort folgt.
Die Aufgabenteilung: Charger vs. Sharing-Plattform
Die meiste Verwirrung entsteht durch eine falsche Annahme: dass eine Sharing-Plattform „die Wallbox steuert" und deshalb mit der eigenen PV-Logik kollidieren müsste. Stromnachbar tut das nicht. Die Steuerung der Ladeleistung — wann der Charger lädt, wie viel Ampere, ob er bei Wolken pausiert oder bei einem Tibber-Preistief hochregelt — bleibt vollständig im Charger. Stromnachbar nutzt OCPP 1.6J, um zwei Dinge zu tun: einen Ladevorgang freizugeben (Authentifizierung) und die geladenen Kilowattstunden auszulesen (Abrechnung). Mehr nicht.
openWB, EVCC, Home Assistant, go-e
Misst PV-Erzeugung, Hausverbrauch, eingespeisten Strom. Entscheidet selbständig:
- Wann geladen wird (Sonne da? Strompreis niedrig?)
- Mit welcher Leistung (1-phasig, 3-phasig, Ampere-Regelung)
- Wann pausiert wird (Wolke, Lastmanagement, Vorgabe)
Zugang + Abrechnung
Spricht OCPP mit dem Charger. Entscheidet:
- Wer einen Ladevorgang starten darf (Einladungslink)
- Wie die geladene Menge dokumentiert wird (Session-Log)
- Wie der Preis pro kWh berechnet wird (Abrechnung)
Konkret: Der Charger weiß nicht, ob gerade dein eigenes Auto oder das deines Nachbarn angeschlossen ist. Er sieht nur „Ladevorgang freigegeben, lade nach meinen Regeln". Stromnachbar weiß nicht, ob die Wallbox aus PV oder aus Netzbezug lädt — es sieht nur „dieser Gast hat X Kilowattstunden geladen, abgerechnet werden Y Cent pro kWh".
Vier Konstellationen im Alltag
1. Du lädst selbst, PV-Überschuss steuert.
Standardfall ohne Stromnachbar im Spiel. Der Charger regelt nach Sonneneinstrahlung, du steckst an, lädst, fertig. Stromnachbar ist hier inaktiv.
2. Gast lädt, Sonne scheint.
Der Gast startet über Stromnachbar (Einladungslink). Stromnachbar gibt den Ladevorgang per OCPP frei. Der Charger sieht „freigegeben, PV-Überschuss vorhanden" und lädt mit der entsprechenden Leistung. Stromnachbar zählt die geladenen kWh mit. Am Ende: Session-Log + Abrechnung an den Gast.
3. Gast lädt, keine Sonne.
Hier wird die Charger-Konfiguration entscheidend. Steht openWB / EVCC auf reinem PV-Überschuss-Modus, lädt es nicht oder nur mit Mindeststromstärke — aus Gast-Sicht wirkt das wie ein Defekt. Sinnvoller ist ein Mischmodus: PV-Überschuss bevorzugt, Netzbezug erlaubt. Dann lädt der Gast auch bei Bewölkung, nur eben aus dem Netz statt aus der Sonne.
4. Eigenes Auto hat Priorität.
Wenn du das eigene Auto immer bevorzugt laden willst, sind Sperrzeiten dein Werkzeug. Im Stromnachbar-Dashboard pro Wallbox einzustellen: Zeitfenster, in denen Gäste nicht starten können (zum Beispiel werktags 18 bis 22 Uhr, wenn du nach Hause kommst). Während Sperrzeit blockt Stromnachbar den Start, der Charger steht für dich frei.
Welche Systeme das unterstützen
Stromnachbar spricht OCPP 1.6J. Alles, was diesen Standard sprechen kann und eine eigene PV-Überschuss-Logik mitbringt, läuft parallel:
openWB 2.0
OCPP 1.6J nativ, PV-Überschuss-Modi (Sofort, PV, Min+PV, Stop) im Web-Interface umschaltbar. Stromnachbar als zusätzliches OCPP-Backend einrichten, openWB-Logik bleibt unberührt.
EVCC
Open-Source-PV-Energiemanager, der eine angeschlossene Wallbox steuert. Wenn EVCC die Wallbox per OCPP anspricht, lässt sich Stromnachbar als zweite OCPP-Verbindung daneben legen. Bei direkter Modbus-Anbindung der Wallbox wird die Konstellation komplexer — eine Bridge-Lösung ist in Vorbereitung.
Home Assistant
Wenn die Wallbox per OCPP-Integration in HA eingebunden ist, kann Stromnachbar als zweiter OCPP-Endpoint registriert werden. PV-Steuer-Automationen in HA bleiben aktiv. Bei ESPHome-getriebenen Custom-Konfigurationen gilt das gleiche Prinzip.
go-e Controller
Eigener PV-Überschuss-Modus in der go-e-App. OCPP 1.6J nativ — Backend-URL und Charge Point ID aus dem Stromnachbar-Dashboard in die go-e-App eintragen, der PV-Modus läuft ungestört weiter.
Tibber Smart Charging
Steuert nach dynamischem Strompreis statt nach PV-Überschuss, aber derselbe Aufbau: Tibber entscheidet wann, Stromnachbar entscheidet wer. Für Easee-Wallboxen gibt es eine eigene Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Tibber-Stromnachbar-Kombination.
Wer mehrere Steuerungs-Systeme parallel betreibt (etwa openWB für PV plus Tibber für dynamischen Strompreis), kommt schnell in Multi-System-Konstellationen, für die wir gerade eine eigene Bridge bauen. Stand und Warteliste dazu liegen unter Wallbox mit mehreren Systemen.
PV-Strom abrechnen: drei Preis-Modelle
Strom ist Strom — die Wallbox misst die geladene Menge unabhängig davon, ob sie aus der eigenen PV oder aus dem Netz kommt. Du legst im Dashboard fest, welcher Preis weitergegeben wird. Drei in der Praxis verbreitete Modelle:
PV-fairer Mischpreis. Du setzt einen Preis, der einen typischen Mix abbildet — zum Beispiel 25 Cent pro kWh, wenn du im Jahresschnitt 60 % aus PV und 40 % aus Netz lädst. Das ist einfach zu erklären und für beide Seiten kalkulierbar. Risiko: an reinen Sonnentagen ist es für dich knapp, an grauen Wochen subventionierst du. Über das Jahr gleicht sich das aus.
Selbstkosten plus Aufschlag. Dein normaler Netzbezugspreis plus zwei bis fünf Cent. Für PV-Strom rechnerisch eher hoch — aber konsistent: der Gast zahlt das, was er auch an einer normalen Privatwallbox zahlen würde. Aus Refinanzierungs-Sicht das saubere Modell (siehe Wallbox refinanzieren durchs Teilen).
PV-Tarif vs. Netz-Tarif getrennt. Exakt getrennt — mit echter Lastfluss-Erfassung — braucht eichrechtskonforme Hardware und lohnt sich im privaten Rahmen selten. Eine pragmatische Näherung gibt es aber neu: Das Sonnenfenster schaltet automatisch auf einen günstigeren Preis, sobald an deinem Standort (laut Wetterprognose) die Sonne scheint — ohne Extra-Hardware, als Rabatt statt Aufschlag.
Stolpersteine
Charger auf reinen PV-Modus stellen. Wenn der Gast bei Wolken nicht laden kann, ist das aus seiner Sicht ein Defekt — er sieht „Wallbox tut nichts" und weiß nicht warum. Für geteilte Wallboxen ist ein Mischmodus mit Netzbezug-Sockel praktisch immer die bessere Wahl.
Authentifizierung vergessen. Wenn der Charger frei lädt, hebelt das jede PV-Logik aus und Stromnachbar bekommt keine Session zu sehen. Sowohl die openWB- als auch die go-e-Konfiguration brauchen eine aktive Authentifizierungs-Einstellung.
Mehrere OCPP-Endpoints gleichzeitig. Manche Wallboxen unterstützen nur ein OCPP-Backend gleichzeitig. Wer schon openWB als OCPP-Backend nutzt, kann Stromnachbar nicht parallel auf demselben Charger anschließen — hier hilft die Bridge-Lösung aus dem Multi-System-Konzept (in Entwicklung).
Häufige Fragen
Funktioniert PV-Überschussladen weiter, wenn ich die Wallbox per Stromnachbar teile?
Ja. Die PV-Überschuss-Logik läuft komplett im Charger selbst (openWB, EVCC, Home Assistant, go-e Controller). Stromnachbar steuert nicht aktiv Ladeleistung oder Ladezeitpunkt — Stromnachbar regelt nur, wer überhaupt einen Ladevorgang starten darf, und erfasst die Verbrauchsmenge für die Abrechnung.
Was passiert, wenn ein Gast laden will, gerade aber keine Sonne scheint?
Das entscheidet der Charger. Steht er auf reinem PV-Überschuss-Modus, lädt er nicht oder nur mit minimaler Mindeststromstärke. Steht er auf einem Mischmodus (PV-Überschuss + Netzbezug-Sockel), lädt er auch dann, aber langsamer. Für Gäste ist es sinnvoll, den Modus auf „Netzbezug erlaubt" zu stellen — sonst wirkt das aus Sicht des Gastes wie ein Defekt.
Welche Charger-Systeme unterstützen das?
Alle Systeme mit OCPP 1.6J und eigener PV-Überschuss-Logik: openWB 2.0, EVCC mit angeschlossener Wallbox, Home Assistant mit ESPHome/EVCC, go-e Controller, KEBA mit Energiemanager. Stromnachbar unterscheidet nicht zwischen diesen — es spricht OCPP, der Rest läuft im Charger.
Was ist mit Tibber Smart Charging — funktioniert das parallel?
Tibber Smart Charging steuert nach dynamischem Strompreis, nicht nach PV-Überschuss — aber das Prinzip ist dasselbe: Tibber entscheidet, wann geladen wird, Stromnachbar entscheidet, wer laden darf. Beide Systeme stören sich nicht, weil sie verschiedene Ebenen bedienen. Für Easee-Wallboxen gibt es einen eigenen Schritt-für-Schritt-Artikel zur Tibber-Stromnachbar-Kombination.
Wie rechne ich PV-Strom gegenüber dem Gast ab?
Strom ist Strom — die Wallbox misst die geladene Menge unabhängig davon, woher die Energie kommt. Du legst im Stromnachbar-Dashboard den weitergegebenen Preis pro Kilowattstunde fest. Bei reinem PV-Überschuss kannst du einen niedrigeren Preis ansetzen als bei Netzbezug, oder du setzt einen Mischpreis, der die typische Verteilung über das Jahr abbildet.
Brauche ich eine zweite Wallbox, wenn ich mein eigenes Auto immer bevorzugt laden will?
Nein. Im Stromnachbar-Dashboard lassen sich pro Wallbox Sperrzeiten festlegen — Zeitfenster, in denen Gäste nicht starten können. Wer werktags abends das eigene Auto lädt, sperrt einfach die typischen Eigenlade-Stunden. Während Sperrzeit blockt Stromnachbar den Gast-Start, der Charger steht ungestört für dich frei.
PV-Wallbox teilen — ohne Steuerungsverlust
openWB, EVCC, go-e und Co. behalten ihre Logik. Stromnachbar regelt nur Zugang und Abrechnung. Free-Tarif kostenlos, 0 % Provision auf den durchgereichten Strom.
Kostenlos registrieren →Wichtig: Dieser Artikel ist eine technische Orientierung zum Zusammenspiel von Charger-PV-Logik und Stromnachbar-Sharing (Stand Mai 2026). Genaue OCPP-Backend-Einstellungen, gleichzeitig erlaubte Verbindungen und PV-Modi unterscheiden sich je nach Hersteller, Firmware-Stand und Konfiguration — die jeweilige Hersteller-Dokumentation ist die maßgebliche Quelle. Bei Unsicherheiten zur eigenen Anlage lohnt sich die Rücksprache mit dem installierenden Fachbetrieb.